Gespräch der Woche

"Gesamtjahr im Minus"
Rostock - Warum Mecklenburg-Vorpommern als einziges Bundesland im ersten Halbjahr 2010 Rückgänge bei Ankünften und Übernachtungen hinnehmen muss, versucht Matthias Löttge, Präsident des Tourismusverbandes Mecklenburg-Vorpommern, zu erklären.
Welche Bilanz ziehen Sie zum Ende der Sommersaison?
Löttge: Wir hatten sicherlich einen schwierigen Saisonstart - wenn man die nackten Zahlen anschaut.
Konkret lief ein Minus von 6,3 Prozent bei Ankünften und Übernachtungen im ersten Halbjahr auf.
Das war bedingt durch die extreme Wettersituation. In kaum einer anderen deutschen Region gab es so lange so viel Schnee. Der Nordosten wurde dadurch auch ein bisschen zu viel mit einem Schneeproblem assoziiert. Gerade an Ostern oder Pfingsten, der typischen Zeit für Kururlaube, haben sich darum nicht so viele Reisende für Mecklenburg-Vorpommern entschieden. Außerdem muss man bei der Betrachtung der Zahlen berücksichtigen, dass wir 2009 ein besonders gutes Jahr hatten, gerade auch wegen der Bundesgartenschau in Schwerin.
Was macht das aus?
Die Buga hat uns gut 400 000 zusätzliche Übernachtungen eingebracht. Das ist ein sehr guter Wert. Aber wir hatten auch im vergangenen Jahr sehr wenig mit der Wirtschaftskrise zu tun - im Unterschied zu anderen Bundesländern. Dort ist das eine oder andere Segment außerhalb des Erholungstourismus in Schlingern geraten ist. Das hatten wir nicht, wir hatten fast eine Million Übernachtungen mehr als 2008. Wir wussten aber schon zu Anfang dieses Jahres, dass es ganz schwer wird, den Erfolg zu wiederholen. Wir haben es uns aber dennoch als Ziel gesetzt.
Das Sie nicht erreicht haben.
Nach den ersten sechs Monaten müssen wir sehen, dass nicht alle günstigen Umstände von 2009 eintraten, deshalb rechnen wir jetzt für das Gesamtjahr mit einem leichten Minus. Nach dem August kann ich aber feststellen, dass wir kein Nachfrage- oder Attraktivitätsproblem haben.
Sondern?
Wir hatten einen normalen Sommer und liegen jetzt in der Summe bei minus drei Prozent. Immer vorausgesetzt, dass wir einen ordentlichen Herbst bekommen. Vielleicht geht ein Teil des Rückgangs bei den gewerblichen Betrieben auch auf das Konto von privaten Ferienwohnungen, die preiswerter sind.
Woran machen Sie das fest?
Ein Indikator ist das Ansteigen der Stromkosten in Ferienwohnungen. Da lässt sich erkennen, dass mehr gekocht wird. Ich vermute, dass das einen, wenn auch kleinen Teil, der Nachfrageverschiebung ausmacht.
Gibt es eigentlich regionale Unterschiede bei den Rückgängen?
Westmecklenburg mit Kühlungsborn und die Seenplatte laufen besser als die Inseln.
Woran liegt das?
Das hängt unter anderem mit der Erreichbarkeit zusammen: Von Hamburg oder Berlin sind Sie schneller in Warnemünde oder Kühlungsborn als auf Rügen.
Wie sieht es mit dem Kapazitätswachstum aus?
Das ist nicht mehr so extensiv wie früher, als bis zu 18 000 neue Betten im Jahr auf den Markt kamen. Wir haben jetzt grundsätzlich das Niveau, das der Nachfrage entspricht: 180 000 bis 185 000 Betten im gewerblichen Bereich - und noch einmal so viele im Privatbereich. Dieses Niveau wollen wir halten. Einige Einheiten, zum Beispiel ein Upstalsboom in Kühlungsborn und ein Steigenberger auf Usedom, kommen 2011 hinzu, aber längst nicht mehr so viele wie in den 90er Jahren. Wir werden eher eine Qualitätssteigerung erleben, mit Modernisierungen und Umbauten.
Was unternehmen Sie an Marketing, um die Saison zu verlängern - außer auf das Wetter zu hoffen?
Das Wetter ist schon ein entscheidender Faktor. Dass die Urlauber auch bei schlechtem Wetter kommen, ist keine Frage des Marketings, sondern der Infrastruktur - und da ist in Mecklenburg-Vorpommern einiges geschehen. Als Beispiele möchte ich hier den Ausbau von Wellnessbereichen in den Hotels nennen und Ziele wie etwa das Ozeaneum in Stralsund - sowie den verbesserten Einzelhandel. Das alles bietet an trüben Tagen eine Alternative zum Strand. Derartige Dinge nehmen wir natürlich in unsere Marketingaktivitäten auf.
Und was noch?
Wir machen natürlich nicht nur Marketing nach außen, sondern sorgen auch intern für Qualitätsversprechen und für ein erweitertes Angebot, etwa im Bereich Kulinarik und Gastronomie, wo andere Regionen im Bewusstsein der Reisenden noch einen besseren Ruf haben.
Rechnen Sie 2011 wieder mit Wachstum?
Wir wollen im kommenden Jahr wieder ein bis zwei Prozent zulegen, womit wir das Jahr 2008 übertreffen, 2009 wegen der genannten Sondereffekte eher nicht. Wir wollen aber nicht nur auf das Volumen schauen, sondern auch die Belegung im Auge behalten, bei der wir unter den Flächenländern im Vergleich mit 40 Prozent über das ganze Jahr betrachtet recht ordentlich da stehen.

