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Palma – Das Maß auf Mallorca ist voll, mehr Tourismus geht nicht mehr – sagt zumindest Gerald Hau, Projektleiter der balearischen Umweltorganisation GOB.

Auf Mallorca gehen Aktivisten gegen Mietautos vor, um gegen den Massentourismus zu protestieren. In Barcelona wurde gar ein Touristenbus angegriffen. Drohen die Proteste zu eskalieren?

Hau: Nein, ich glaube nicht, dass das eskaliert. Das sind – zumindest was die Aktion mit den Mietwagen betrifft, die wurden beklebt – relativ harmlose Aktionen, die sich auch nicht gegen Urlauber richtet. Aber: Es hat sich bei den Einheimischen schon lange ein Ärger, eine Wut aufgestaut, die immer gedeckelt wurde. Und die bricht sich jetzt Bann.

Woher kommt diese aufgeheizte Stimmung? Immerhin sorgen die Urlauber für 45 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Balearen?

Richtig, die Insel lebt vom Fremdenverkehr und wir vom GOB sind auch nicht gegen den Tourismus. Aber man muss auch ganz klar sehen, dass diejenigen, die in den Hotels oder in der Gastronomie arbeiten, kaum vom Boom profitieren. Im Gegenteil.

Wieso das?

Nach der Arbeitsmarktreform 2007 hat sich die Situation in Spanien deutlich verschlechtert. Es werden niedrigere Löhne gezahlt als vor der Krise, obwohl die Branche wieder boomt. Es gibt fast nur noch Saisonverträge, manche sind auf zwei Monate befristet. Gleichzeitig tragen die Bewohner der Insel die Mehrkosten, die Urlauber verursachen – bei der Müllbeseitigung oder der Abwasserentsorgung beispielsweise. Ein anderes Problem sind die Mietpreise.

Warum?

Durch die Vermietung von Ferienwohnungen in Mehrfamilienhäusern steigen die Mieten eklatant. Dadurch werden zum einen Altmieter vertrieben, weil sie sich ihre Wohnung nicht mehr leisten können. Zum anderen gibt es kaum bezahlbaren Wohnraum für Krankenschwestern oder Polizisten, die während der Saison vom Festland auf die Insel kommen. Die bleiben dann aus. Und es gibt noch eine Reihe weiterer Alltagsprobleme.

Welche?

Bekannt sind Ihnen sicher die saufenden, prügelnden Touristen in Magaluf oder am Ballermann. Ein Problem, das die Presse ja immer wieder aufgreift. Das ist aber nicht alles. Vergangene Woche – um ein Beispiel zu nennen – war das Wetter bewölkt und tausende Urlauber machten sich mit ihren Mietwagen vom Strand auf in die Stadt Palma. Das führte zu einem totalen Verkehrskollaps. Oder wenn die Kreuzfahrtschiffe am Hafen ankern und bis zu 20 000 Gäste am Tag ausspucken. Die belagern dann die Kathedrale und die Altstadt für Stunden. Da kann man nicht mal mehr umfallen. Kurz: Die Insel ist im Sommer einfach zu voll.

Was ist mit den ökologischen Folgen?

Auch die sind verheerend. Mallorca lebt über seine Verhältnisse. Vergangenes Jahr ist auf der Insel das Trinkwasser ausgegangen. Dieses Jahr hatten wir Glück, weil es viel geregnet hat, dennoch sind die Reserven bereits jetzt am Limit. Einige Kläranlagen kommen bei so vielen Menschen mit der Reinigung des Abwassers nicht mehr hinterher. Die Folge: Strände müssen wegen Verunreinigung gesperrt werden, in manchen Orten wird das Trinkwasser ungenießbar.

Was noch?

Die riesige Autoflotte – auf Mallorca kommen auf 1000 Einwohner 853 Pkws inklusive der 100 000 Mietwagen – sorgt für schlechte Luft. Weitere Belastungen durch Lärm und Emissionen kommen durch den stetig wachsenden Flugverkehr. All das hat mit nachhaltigem Tourismus nichts zu tun, obwohl das der balearische Tourismusminister immer wieder behauptet.

Welche Zielgruppe belastet die ökologische Tragfähigkeit besonders. Sind es die Massen der Pauschalreisenden oder eher die Luxustouristen?

Natürlich verbraucht ein Fünf-Sterne-Hotel deutlich mehr Wasser als eine Bettenburg am Ballermann. Auch die Fincas im Landesinneren, die im Übrigen mit Ferien auf dem Bauernhof, wie man es von Südtirol kennt, nichts zu tun haben, fressen Land und Wasser. Ganz zu schweigen von den Golfplätzen, die auch mal illegal mit Trinkwasser bewässert werden. Ein Massentourist, der zwei Wochen Strandurlaub macht, hat da schon einen nachhaltigeren ökologischen Fußabdruck, als ein Urlauber, der sich am Pool seiner Finca sonnt, mit dem SUV von A nach B fährt und am Hafen noch eine Yacht besitzt.

Also lieber Ballermann als Urlaub auf der Finca?

Das will ich so auch nicht sagen: Der Urlauber, der auf seiner Finca sitzt, sich dort von ökologischen Produkten ernährt, trägt dennoch wenig bis nichts zur ökologischen Balance der Insel bei.

Die Regierung will gerade weg von den einfachen Strandurlaubern, hin zu einem hochwertigeren Tourismus. Ist das dann genau der falsche Weg?

Die Insel kann ohne Massentourismus gar nicht leben. Das funktioniert nicht. Da hängen zum einen zu viele Arbeitsplätze dran, zum anderen profitiert ja auch der Luxusurlauber von den auf den Massentourismus ausgerichteten Flugverbindungen. Es ist letztlich eine Frage der Verhältnismäßigkeit, der Balance – und die besteht zurzeit nicht. Zu der Erkenntnis kommt übrigens auch die Branche: TUI warnt bereits davor, dass Spanien überlaufen ist. Auch wenn das Interesse des Reiseveranstalters kein ökologisches ist, sondern TUI schlicht niedrigere Preise durchsetzen will.

Turespaña wirbt im Ausland stark für die Destination Mallorca. Macht das Sinn?

Eigentlich ist das unnötig. Mallorca ist vor allem im wichtigen Quellland Deutschland so präsent, dass es keine Werbung braucht. Und: Es ist angesichts der Tourismusströme, unter denen die Insel leidet, auch nicht sinnvoll. Das gilt auch für den Naturtourismus auf Mallorca, für den das spanische Fremdenverkehrsamt ja gerne wirbt. Die Serra de Tramuntana ist als Wanderregion im Herbst ebenfalls völlig überlaufen und verträgt eigentlich kein Mehr an Urlaubern.

Die neue Regierung hat nun einige Maßnahmen getroffen, um die Touristenströme zu lenken. Was halten Sie davon?

Wir befürworten viele der Maßnahmen. Beispielsweise die Strafen für illegale Vermietung von Ferienwohnungen in Mietshäusern, die die Situation am Markt entspannt – zumal die Regierung auch vermehrt Kontrolleure in die Viertel schickt.

Was schlagen Sie noch vor?

Wir fordern ganz klar eine stärkere Begrenzung der Bettenkapazitäten, ein totales Verbot der Ferienvermietung in Mehrfamilienhäusern, eine Reduzierung der Mietwagen – auch wenn das rechtlich schwierig werden wird. Ganz besonders wichtig ist uns aber die Begrenzung des Flugverkehrs. Der Airport Palma hat eine Kapazität von 60 Flugbewegungen pro Stunde, die Betreiber wollen das noch auf 80 Flüge pro Stunde erhöhen. Das ist Wahnsinn. Nicht nur aus ökologischem Aspekt. Selbst die Fluglotsen warnen davor – aus Sicherheitsgründen.

Wie viele Touristen verträgt Ihrer Meinung nach die Insel?

Wir rechnen dieses Jahr mit rund 14 Millionen Urlauber auf Mallorca. Wenn wir wieder auf eine Zahl der Ankünfte zwischen zehn und elf Millionen kommen würden, die sich vielleicht noch etwas besser auf die Saison verteilen, dann würden wir das begrüßen. Ich habe allerdings die Hoffnung, dass sich das auch ein Stück wieder selbst regulieren wird: Einmal durch den Preis, zum anderen dadurch, dass auch die Urlauber erkennen, dass man sich auf einer völlig über füllten Insel nicht erholen kann.


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