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Lüneburg - Erstmals hat sich eine Studie mit dem Einfluss der Digitalisierung auf nachhaltigen Tourismus beschäftigt. Edgar Kreilkamp, Professor für Tourismusmanagement an der Uni Lüneburg und einer ihrer Autoren, stellt sie vor.

Was hat es mit der Studie zu Digitalisierung und nachhaltigem Tourismus auf sich?

Kreilkamp: Die Studie wurde durchgeführt im Auftrag des Umweltbundesamt. Sinn war es, sich erst einmal einen Überblick darüber zu verschaffen, welche Formen, wir nennen sie in der Studie Kategorien, der Digitalisierung es gibt - und welche Einflüsse diese auf das Reisen an sich haben können. Also darauf, ob man mehr reist oder weiter weg oder länger. Oder auf die Reise an sich, also ob man eine andere Mobilität oder Unterkunft sucht oder gar virtuell verreist. Erst dann kann man Aussagen treffen darüber, welchen Einfluss bestimmte Formen der Digitalisierung auf nachhaltigen Tourismus haben.

Welche Formen der Digitalisierung sind da tragend?

Die klassische Internetseite spielt bei der Digitalisierung inzwischen die kleinste Rolle. Digital heißt nicht Internet, es geht viel weiter. Also Internet der Dinge, einschließlich Geo Intelligence, Künstliche Intelligenz, inklusive Maschine Learning und Robotik, Big Data Analytics, Erweiterte Realität, Digitales Payment oder Sharing Modelle: Das sind die Technologien, die hier von Bedeutung sind. Am deutlichsten wird das vielleicht beim Thema Besucherlenkung. Mit Hilfe digitaler Technik kann ich - quasi in Echtzeit - sehen, wo gerade viele Menschen unterwegs sind und welche touristischen Sehenswürdigkeiten vielleicht gerade nicht so gut besucht sind. Mit dieser Erkenntnis kann ich Besucherströme steuern, in dem ich ihnen andere Vorschläge unterbreite oder Preise kurzfristig erhöhe oder runter setzte.

Also ist der Einfluss eher positiv zu bewerten?

Die Digitalisierung als solche hat keinen positiven oder negativen Effekt. Es ist einfach nur eine Technologie und es kommt darauf an, wie wir damit umgehen, was man damit macht. Manchmal sind die Auswirkungen auch gar nicht klar. Nehmen Sie die erweiterte Realität und stellen sich vor, Sie besteigen virtuell mit einer VR-Brille den Mount Everest. Führt das jetzt dazu, dass mehr Menschen tatsächlich auf den Berg reisen wollen oder im Gegenteil dazu, dass die Leute sagen, das hab ich jetzt virtuell gesehen, dass reicht mir? Das lässt sich nicht vorhersagen. Und letztlich kommt es natürlich auch darauf an, welchen Aspekt des nachhaltigen Tourismus man mehr Gewicht einräumt: dem ökonomischen, ökologischen oder sozialen. Weniger Touristen am Mount Everest ist gut für die Umwelt, bringt aber auch weniger Geld.

Und was hat mehr Gewicht?

Das muss jeder selber für sich entscheiden, aber interessant ist, dass die Reisenden inzwischen den sozialen Aspekten eine größere Bedeutung einräumen, als früher. Wie die Arbeitsbedingungen im Urlaubsland sind, wie es den Angestellten im Hotel geht und ob die Bevölkerung in der Urlaubsdestination vom Tourismus profitiert, ist wichtiger geworden.

Die Studie nennt eine Reihe von praktischen Beispielen. Welche haben den nun eine besonders positive Wirkung auf nachhaltigen Tourismus?

Da ist die Plattform Flightcar. Hier können Flugreisende für die Dauer ihres Urlaubs ihr Auto verleihen - an ankommende Passagiere, die den Wagen am Airport in Empfang nehmen. Das spart dem Wegfliegenden teure Parkgebühren, er verdient sogar noch etwas dazu, der Ankommende profitiert von niedrigen Mietpreisen. Im Sinne eines nachhaltigen Tourismus ist der positive Aspekt der einer Minimierung des Ressourcenverbrauchs, eine Veränderung des Konsummusters. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob dadurch nicht eine Intensivierung des Individualverkehrs in der Destination Vorschub geleistet wird. Es gibt also meist zwei Seiten.

Ein anderes Beispiel, bitte?

Einen ähnlichen Weg geht Asap Ninja, ein Sharing Model, bei dem Einheimische an Touristen Gegenstände für ihren Aufenthalt vor Ort verleihen - also beispielsweise sperrige Kinderwägen, Skiausrüstungen oder Surfbretter, deren Transport oft teuer ist. Dabei kommen Menschen aus verschiedenen Ländern, aber mit gleichen Interessen miteinander in Kontakt. Einen ähnlichen nachhaltigen Effekt im sozialen Bereich hat eine App, mit deren Hilfe sich Benutzer in einer fremden Sprache unterhalten können.

Sie nennen auch die Airbnb in Ihrer Studie. Die Zimmervermietungsplattform steht für Städte, Kommunen und Nachbarn für alles andere, nur nicht für Nachhaltigkeit.

Die ursprüngliche Idee, dass Menschen ein Zimmer in ihrer Wohnung für eine gewisse Zeit an einen Touristen vermieten, so etwas Geld verdienen und vor allem Kontakt zu anderen Menschen bekommen, wird immer noch positiv gesehen. Das Problem ist doch, dass sich das Ganze zu einem riesigen Geschäftsmodell entwickelt hat. Das nicht ein Zimmer, sondern ganze Wohnungen, ja Häuser auf dieser Art vermietet - und so letztendlich zweckentfremdet werden. Da ist es Aufgabe der Kommunen mit Gesetzen darauf zu reagieren, das passiert zum Teil ja auch.

Was kann nun die Branche an Erkenntnissen aus der Studie mitnehmen?

Wir stehen ja erst am Anfang einer Entwicklung, viele in der Branche steigen jetzt erst ein in das Thema Digitalisierung. Nun kommt es darauf an, wie es ausgestaltet wird. Die Studie hält dafür erste Informationen und Fragestellungen bereit, auf die es aufzubauen gilt. Aus den Erkenntnissen, die wir - Eric Horster, Dirk Schmücker und ich - gesammelt haben, sollte die Einsicht entstehen, alle Digitalisierungsschritte zu überdenken, bevor es in die Umsetzung geht.


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