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Hamburg – Erdogan, Öger, tote Touristen: Türkei-Spezialisten haben es derzeit besonders schwer. Wie Öger Tours der Krise begegnet, erläutert Geschäftsführerin Songül Göktas-Rosati.

Der Bundestag hat die Vertreibung der Armenier 1912 als Völkermord bezeichnet – und der türkische Präsident an der Resolution scharfe Kritik geäußert. Zu Recht?

Göktas-Rosati: Als Reiseveranstalter betreiben wir keine Politik. Bei uns geht es um die Menschen – sowohl um die Reisenden also auch um die im Tourismus Beschäftigten vor Ort, denen wir uns als Türkeispezialist sehr verpflichtet fühlen. Nur die Begegnung lässt Toleranz, Respekt und Akzeptanz wachsen.

Dennoch beeinflusst der raue politische Ton den Tourismus – und schadet dem Geschäft.

Grundsätzlich sehen die Deutschen die Türkei sehr positiv, insbesondere die herausragende Gastfreundschaft und die sehr gute Hotelqualität werden geschätzt. Defizite gibt es bei der Wahrnehmung der Sicherheit. Politische Aspekte spielen unserer Erfahrung nach im Vergleich zum Thema Sicherheit tatsächlich, bis auf wenige Ausnahmen, eher eine untergeordnete Rolle.

Wie sehen denn die aktuellen Zahlen aus?

Die Türkei wird derzeit vor allem Last Minute gebucht. Hier sehen wir einen Aufwärtstrend seit Mitte April. Konkrete Zahlen veröffentlichen wir grundsätzlich nicht. Generell verzeichnen wir aber, wie auch der gesamte Markt, ein Minus für den Sommer 2016. Wir liegen in einigen Regionen allerdings über dem Markt. In Antalya sind wir marktkonform.

Das heißt?

Die Westküste wird im Vergleich etwas besser gebucht als die Türkische Riviera. Wir führen dies auf unsere Stammkunden, darunter sind zahlreiche deutsch-türkische Gäste, zurück, die traditionell gern an die Westküste reisen. Weiterhin hatten wir für den Sommer das Flugprogramm nach Bodrum sehr ausgebaut, das hat natürlich auch Auswirkungen.

Können Sie etwas konkreter werden?

In Bodrum, an der türkischen Ägäis und auch an der Lykischen Küste sind wir jeweils besser gebucht als der Wettbewerb. Weiterhin verzeichnen wir eine gute Nachfrage für die Konzepthotels von Thomas Cook wie zum Beispiel Sentido, aber auch für Kettenhotels wie Paloma, Titanic und Trendy-Hotels, auch hier sind die Buchungen besser als der Marktdurchschnitt.

Manche Reiseveranstalter sprechen von einem Türkei-Minus von bis zu 40 Prozent. Was machen Sie anders – oder sogar besser?

Öger Tours ist seit mehr als 45 Jahren auf dem Markt – und hat als Pionier des Türkeitourismus natürlich viel Erfahrung auf dem Gebiet. Einer unserer Vorteile ist sicher, dass ein großer Teil unserer Kunden Stammkunden sind. Davon profitieren wir in schwierigen Zeiten. Als Spezialist haben wir einen guten Draht zu Deutsch-Türken, die unabhängig von der geopolitischen Situation immer in die Türkei reisen, aber auch zu Zielgruppen wie den Russland-Deutschen.

Wann kommt es wieder zu Wachstum in der Türkei? Und welche Maßnahmen sind im Vorfeld nötig?

Wir haben hierzu eine Reihe von Maßnahmen initiiert. Zum Beispiel bieten wir Familien mit unserer Urlaubsglückaktion bis zu 900 Euro Ersparnis und wir bieten flexible Umbuchungsoptionen für neun Euro pro Person. Damit können Kunden bis zu zehn Tage vor Abreise ihre Reisepläne ändern und zum tagesaktuellen Preis, ohne zusätzliche Gebühren, umbuchen.

Wie groß ist eigentlich der Anteil der nichttürkischen Destinationen am Gesamtgeschäft? Und wollen Sie diese Ziele ausbauen?

Der Anteil liegt aktuell bei rund zehn Prozent. Ein Ausbau des Programms ist nicht geplant. Wir haben als Orientspezialist bereits ein breites Programm, das wir stabil halten.

Unternehmensgründer Vural Öger steht aktuell mächtig unter Druck. Schadet das Ihrem Unternehmen?

Wir bekommen Anrufe von Kunden, die Fragen, was da los ist – und betreiben natürlich Aufklärung, unter anderem in den Medien und bei Facebook. Grundsätzlich stellen wir fest, dass unsere Kunden besser informiert sind als die allgemeine Öffentlichkeit, daher hoffen wir, dass uns die Affäre am Ende kaum schaden wird.

Die Übernahme von Öger Tours hat rund 28 Millionen Euro gekostet. Hat sich diese Investition mittlerweile amortisiert?

Bitte haben Sie Verständnis, das wir Ihnen als Marke von Thomas Cook und damit als Teil eines börsennotierten Unternehmens keine konkreten Zahlen nennen dürfen. Ich kann Ihnen aber so viel dazu sagen, dass der fünfjährige Businessplan, den wir damals aufgestellt haben, sich voll und ganz erfüllt hat.

In den vergangenen acht Monaten sah die Türkei drei Tourismusminister. Wäre angesichts der Probleme Stabilität nicht angebracht?

Sicher hätten wir uns hier Stabilität gewünscht, zumal der alte Tourismusminister Mahir Ünal viele gute Aktionen für den Türkeitourismus angestoßen hat. Aber natürlich weiß ich auch, dass bei einer Regierungsumbildung auch die Posten neu besetzt werden können. Positiv ist auf jeden Fall, dass der neue Minister signalisiert hat, an den Plänen festzuhalten – und diese sogar ausbauen möchte.

Sie selbst sind seit Herbst vergangenen Jahres Geschäftsführerin. Was konnten Sie in der Zeit bewegen?

Ich glaube, dass es uns gelungen ist, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mit guten Aktionen zu begegnen. Weiterhin habe ich viel Wert auf gute Beziehungen zu unseren Partnern in der Türkei, aber auch zu unseren Reisebüros gelegt. Persönlich Präsenz zu zeigen – sowohl bei unseren Hoteliers, als auch bei Reisebüro-Veranstaltungen, ist mir sehr wichtig. Gerade in schwierigen Zeiten zählt häufig der persönliche Kontakt, weil man so Vertrauen aufbauen kann.

Ist es Vorteil oder Nachteil, dass eine Frau an der Spitze von Öger Tours steht?

Ich weiß nicht, ob das Thema überhaupt eine Rolle spielt. Wichtiger – und das haben mir auch viele Gesprächspartner in der Türkei vermittelt – ist, dass ich türkische Wurzeln habe. Das macht uns in Vielem glaubwürdiger und erleichtert viele Gespräche.

Letzte Frage: Wie weit redet Ihnen Thomas Cook als Mutter eigentlich in das Geschäft hinein?

Natürlich stimmen wir uns ab und besprechen uns mit unseren Gesellschaftern, und ich muss mich Ihnen gegenüber verantworten. Im Hinblick auf viele Bereiche genießen wir aber große Freiheiten und können eigene Entscheidungen treffen.


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