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Berlin – Nicht auf Zielkurs ist die Airline-Industrie beim Klimaschutz – sagt Dietrich Brockhagen. Daran, so der Geschäftsführer des Kompensationsanbieters Atmosfair, werde auch die Einbeziehung der Branche in den Emissionshandel 2020 nicht viel ändern.

Trotz aller Bemühungen: Beim weltweiten Luftverkehr steigt der C02-Ausstoß. Woran liegt das?

Brockhagen: Das liegt einfach daran, dass das Verkehrswachstum schneller ist als der technische Fortschritt bei den Emissionen. Nur eine von zehn Airlines schafft es, den Zuwachs an geflogenen Kilometern durch Steigerung der C02-Effizienz auszugleichen – unter ihnen sind Thai Airways, Finnair und American Airlines

Wie klimaeffizient sind die europäischen und deutschen Airlines unterm Strich?

Die europäischen Airlines sind weltweit im oberen Drittel angesiedelt, rund 15 von ihnen befinden sich unter der Gruppe der Top 50. So steht die britische TUI Airways mit fast 80 Prozent des heute erreichbaren Optimums bei den CO2-Emissionen wie im Vorjahr auf Platz  eins des jetzt abgeschlossenen Atmosfair-Rankings. Platz vier geht an die deutsche Schwester TUIFly  mit 78 von 100 Effizienzpunkten. Und mit Condor schaffte es ein weiterer deutscher Ferienflieger unter die Top 10 – mit 72von 100 Effizienzpunkten.

Wie bewerten Sie eigentlich die Airlines? Was hat es mit Ihrem Airline-Index auf sich?

Wir teilen jede Fluggesellschaft in eine Effizienzklasse ein – ähnlich wie Sie das von den Kühlschränken kennen. Eine Airline landet dann in der Effizienzklasse A, wenn sie immer auf allen Strecken optimal ausgelastet ist und den Flug optimal konfiguriert. Der Index basiert also auf dem CO2-Ausstoß einer Fluggesellschaft pro Kilometer und Passagier auf allen geflogenen  Strecken. Den CO2-Ausstoß berechnen wir dann recht genau über den Flugzeugtyp, die Triebwerke, die Verwendung von Winglets, die Sitz- und Frachtkapazität sowie deren Auslastungen auf jedem einzelnen Flug.

Und woher stammen die Daten?

Datenquellen sind ausschließlich internationale Organisationen wie ICAO oder IATA und eine Reihe spezialisierter Datendienste der Luftfahrtbranche, sowie Computermodelle von Flugzeugingenieuren.

Zur Kompensation der Flüge: Gibt es denn genug Angebote, grün zu reisen? Wie hat sich das in den vergangenen Jahren entwickelt?

Da haben sich die Angebote enorm entwickelt. Zum einen gibt es Nischenveranstalter wie das Forum Anders Reisen, die zweistellig wachsen. Dann haben wir viele Mittelständler wie beispielsweise FTI, die zwar noch zurückhaltender sind, aber die eine oder andere grüne Reise ins Angebot nehmen. Und zu guter Letzt haben die großen Player – also Thomas Cook, DER Touristik und TUI – ihre eigenen grünen Label herausgebracht. Als Fazit würde ich sagen: Da Angebot wächst kontinuierlich, auch wenn es insgesamt natürlich zu gering ist.

Dennoch: Reiseveranstalter werben kaum gezielt für die Möglichkeit der CO2-Kompensation. Woran könnte das liegen?

Das beißt sich ein wenig die Katze in den Schwanz. Die großen Veranstalter sagen, der Kunde frage das nicht nach, möchte aber nachhaltig reisen, was auch Umfragen immer wieder belegen – und gehe davon aus, dass das Produkt sauber ist und der Klimaschutz soweit wie möglich berücksichtigt wird.

Seinen CO2-Ausstoß kompensieren können Flugreisende bei verschiedenen Organisationen. Was macht Atmosfair anders?

Eine ganze Menge. Zum einen rechnen wir ganz genau aus, welche CO2-Emissionen bei einer Reise anfallen und berücksichtigen dabei auch andere Klimaeffekte eines Flugs wie die Kondensstreifen oder die Ozonbildung in großen Höhen – und die sind nicht unerheblich. Deshalb ist der CO2-Fußabdruck, den wir für eine Reise ausrechnen, fast immer höher, als bei anderen Mitstreitern – oft um 30 bis 50 Prozent.

Und bei der Kompensation?

Da ist der wesentliche Unterschied, dass wir keine Zertifikate kaufen, sondern unsere Projekte selber machen und die vom TÜV prüfen lassen. Wir haben Angestellte und Partner beispielsweise in Ruanda, wo wir energieeffiziente Holzöfen bauen lassen. Oder in Indien, wo Kleinbauern Biomassekraftwerke mit Ernteresten füllen. Wir lassen die Menge von Kohlendioxid, die dabei eingespart wird, für jedes Projekt von unabhängiger Stelle prüfen und genau diese Menge wird dann mit Ihrer Reise verrechnet. So haben Sie die Garantie, dass – wenn Sie beispielsweise 100 Euro spenden – 90 Euro auch tatsächlich in die Reduzierung der Emissionen eingesetzt wurden.

Wie finanzieren Sie überhaupt Ihre Arbeit?

Im Wesentlichen sind es die zehn Prozent, die wir von den Kompensationszahlungen eines Reisenden für unsere Arbeit einbehalten. Daneben haben wir Zusatzeinnahmen aus dem Verkauf von Kohlendioxidberichten, der Beratung und Softwareentwicklung. Vergangenes Jahr beliefen die sich auf sieben Millionen Euro, 2018 rechnen wir mit einer Steigerung auf acht Millionen.

Und die Mitbewerber, sind das Konkurrenten oder Mitstreiter im Kampf für ein besseres Klima?

Beides. Wir sind natürlich nicht begeistert, wenn ein Anbieter für den gleichen Flug viel weniger CO2 ausrechnet – und dann von der entsprechenden Airline den Auftrag zur Kompensation bekommt. Das kommt vor. Ansonsten pflegen wir ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Mitbewerbern und freuen uns, wenn deren Arbeit dem Klimaschutz dient.

Gibt es im Ausland ähnliche Möglichkeiten der Kompensation?

Atmosfair ist auf dem deutschsprachigen Markt tätig – insofern kann ich für Österreich oder die Schweiz die Frage bejahen. Weltweit gibt es wohl an die 40 Anbieter von Zertifikaten, allerdings richten sich meines Wissens die wenigsten an den Endverbraucher.

Die verbindliche Einbeziehung der internationalen Luftfahrt in den Emissionshandel soll 2020 kommen. Fällt dann nicht ein wichtiger Zweig Ihres Geschäftsmodells weg?

Nein. Zum einen bezieht sich die Einbeziehung der internationalen Luftfahrt in den Emissionshandel ja nur auf den Zuwachs. Dass heißt: Es geht nicht um die Vollkompensation. Genau die bieten wir aber an. Zum anderen verstehen wir uns als Schrittmacher und glauben, dass in dem verabschiedeten Programm wesentliche Elemente fehlen, die wir noch einbringen wollen.

Welche sind das?

In dem ganzen Programm gibt es keine einzige Maßnahme, die Airlines dazu verpflichtet, in ihrem eigenen Betrieb Kohlendioxid einzusparen. Das ist in reines Offset-Programm, das nicht zu einer Reduzierung der Werte beiträgt, sondern bestenfalls den Status Quo hält. Wir fürchten zudem, dass die Regeln für eine weltweit verpflichtende Kompensation, die erst noch entwickelt werden müssen, am Ende so allgemein gehalten werden, dass sie dem Klima nichts nutzen.

Was bringt dann das internationale Programm dem Klima?

Das nach mehr als 20 Jahren Stillstand überhaupt Bewegung in die Branche gekommen ist und man überhaupt einen Rahmen für die Luftfahrtindustrie gespannt hat, ist schon mal positiv zu beurteilen. Auf dieser Grundlage können die Emissionen reportet und Maßnahmen entwickelt werden. Da hapert es bei der Umsetzung.

 


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