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Hannover – Über die aktuelle Türkei-Krise und die Folgen für die Reiseindustrie sinniert Professor Karl Born. Beispielsweise ist der ehemalige TUI-Manager dagegen, die DRV-Tagung in Kusadasi abzuhalten – auch weil Vorstandswahlen bei zu wenigen Teilnehmern problematisch sind.

Sie vergleichen den türkischen Präsidenten Erdogan mit Hitler. Wie kommen Sie darauf?

Born: Eigentlich verbietet sich ja ein Vergleich mit der Nazizeit. Aber Erdogan selbst hat ja die Vorlage dazu geliefert, als er in einem Interview Hitler-Deutschland als Beispiel für ein effektives Regierungssystem genannt hat. Und die Massenverhaftungen in der Türkei, so schnell nach dem gescheiterten Putsch, das erinnert schon an den Reichstagsbrand 1933, der Hitler ebenfalls als Vorwand diente, sich der Opposition im Lande zu entledigen. Auch der von ihm verwendete Begriff „Säuberung“ weckt solche Assoziationen.

Welche Resonanz haben Sie seitens der Reisebranche auf Ihre letzten Borns bissigen Bemerkungen – kurz BBB – mit der da geäußerten Türkei-Kritik erhalten?

Da war ich selber überrascht: Die Reaktionen waren ausschließlich positiv. Ich habe viel Zustimmung aus der Branche dafür bekommen, dass ich hier ein Tabu angesprochen habe. Meine BBB wären der Anstoß für eine offene Diskussion. Viele in der Branche verkaufen Türkei-Reisen momentan mit großen Bauchschmerzen.

Haben Sie, abgesehen von Turkish Airlines, auch von so genannten Säuberungen innerhalb der Hotellerie und des Tourismus gehört?

Gehört noch nicht, aber die Säuberungen sind auch noch nicht zu Ende. Man muss vorausdenken. Ich kann mir gut vorstellen, dass es auch einen Hotelmanager oder gar einen deutschen Touristen treffen wird. Angesichts der Appeasement-Politik der Bundesregierung gegenüber der Türkei wird mir da angst und bange. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Auswärtige Amt sich in so einem Fall für die Belange deutscher Touristen nachhaltig einsetzen wird – der Flüchtlingsdeal hat da Vorrang.

Übt die türkische Reisebranche den Schulterschluss mit Erdogan?

Der türkische Reiseverband hat zu allem nicht mehr zu sagen, als dass Ausgangssperre und Verhaftungen nichts mit den Urlaubszielen an der türkischen Ägäis oder Riviera zu tun haben. Als Reaktion auf das Geschehen ist das schwach.

Kann man Touristen überhaupt Reisen in Länder mit totalitären Regimen empfehlen?

Ich bin prinzipiell nach wie vor der Meinung, dass man Politik und Tourismus nicht vermischen sollte. Nehmen wir als Beispiel Ägypten – ohne Zweifel eine Militärdiktatur. Nun müssen wir einerseits feststellen, dass Kairo weit weg ist von den Ferienzielen am Roten Meer. Und dass die Urlauber dort – auch während der Unruhen im Lande – nicht gefährdet sind. Zum anderen ist es ja so, dass die Menschen dort nichts anderes haben als Tourismus und wir sie geradezu in die Arme der islamistischen Terroristen treiben, wenn wir ihnen diese Einnahmequelle nehmen. Übrigens: Würden wir einen ganz strengen moralischen Maßstab anlegen, dann dürften wir auch keinen Urlaub in den USA machen – wegen der dort herrschenden Todesstrafe. Da könnten wir das Reisen bald ganz aufgeben.

Was ist an der Situation in der Türkei anders?

Diktaturen sind schlimm, und wir wollen sie nicht. Aber: In erster Linie muss es der Reisebranche um die Sicherheit ihrer Kunden gehen. Und um die sorge ich mich in der Türkei: Einmal wegen der Verhaftungswelle, die – ungeachtet einer persönlichen Schuld – offensichtlich jeden treffen kann. Und andererseits weil ich nicht sehe, dass die Regierung in Berlin willens und fähig ist, die Interessen deutscher Urlauber in Antalya oder Alanya zu schützen.

Zahlreiche Reiseveranstalter bieten bei Städtereisen Umbuchungen an. Bei Strandurlaub sieht das anders aus. Und Deutsch-Türken können gratis stornieren oder umbuchen. Wie passt das zusammen?

Dass die Reiseveranstalter bei Städtereisen Kulanz zeigen, hat natürlich mit der – auch gefühlten – Gefährdungslage zu tun, auch wenn wir mittlerweile erkennen müssen, dass es überhaupt keine wirklich sicheren Orte mehr gibt. Was die Deutsch-Türken betrifft, da muss man schon sagen, dass sie einem gewissen Risiko ausgesetzt sind, wenn sie in ihre Heimat fliegen – sei es, dass sie als vermeintliche Gülen-Anhänger verhaftet werden oder dass man sie zum Militärdienst einzieht. Also: Eine nachvollziehbare Entscheidung.

Wie wird der Tourismus in der Türkei am Ende der Saison dastehen? Mit welchen Rückgängen bei Ankünften und Einnahmen rechnen Sie?

Vor dem Putsch sah es ja so aus, dass sich die extrem negativen Zahlen verbessert hatten und man hoffen konnte, dass das Minus nicht 40 sondern vielleicht 20 Prozent betragen würde. Das können Sie jetzt vergessen.Da kommt nichts mehr, und auch die Versöhnung Erdogans mit Putin wird den Ausfall aus dem Westen nicht mehr ausgleichen können – zumindest nicht in diesem Jahr.

Es gibt eine ganze Menge reiner Türkei-Spezialisten. Rechnen Sie mit Insolvenzen? Wer ist besonders bedroht?

Ich kenne die einzelnen Zahlen nicht, aber sicher haben die es jetzt schwer. Wobei die meisten reinen Türkeianbieter vor allem am ethnischen Geschäft hängen, was – zumindest bis vor drei Wochen – noch unverändert lief. Da müssen wir abwarten, wie sich die politische Situation in der Türkei weiter entwickelt.

Sie plädieren dafür, die DRV-Tagung in Kusadasi abzusagen. Warum?

Als es um die Frage der Sicherheit vor Terroranschlägen ging, war ich unbedingt dafür, dass der DRV seine Tagung in der Türkei abhält. Jetzt hat sich Situation geändert. Wir sind mitten drin in einer extrem krisenhaften Entwicklung, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Auf der Tagung wird ja auch politische Prominenz auftreten – und ganz sicher die Politik Erdogans in den höchsten Tönen loben. Wie soll der Verband da vernünftig reagieren? Ich kann mir nicht vorstellen, dass DRV-Präsident Norbert Fiebig dort Demokratie und Rechtsstaatlichkeit anmahnen wird. Dann ist es besser, der DRV findet eine gute Ausrede, die Tagung abzusagen – auch wenn unsere türkischen Partner fürchterlich schimpfen werden.

Bis jetzt liegen 350 Zusagen zu, in Lissabon waren es über 800. Was bedeutet das für die Tagung?

Vielleicht werden es auch weniger als 350. Und auf dem Treffen stehen Vorstandswahlen an. Die kann man bei so wenig Teilnehmer gar nicht abhalten. Auch das ist ein Grund, den Tagungsort zu ändern.

Auch anderweitig ist der Verband in der Kritik – Stichwort Gewerbesteuer und Revision der Pauschalreiserichtlinie. Der ASR unterstellt sogar mangelnde Weitsicht.  

An Weitsicht mangelt es den Verbandsoberen nicht. Das Problem ist, dass der DRV viel zu sehr auf Kuschelkurs mit der Politik ist und keinen Druck aufbaut. Eine knallharte Lobbyarbeit findet hier einfach nicht statt – ganz anders als beispielsweise in der Autoindustrie.

Zwei Themenkomplexe hätten wir noch. Das eine: Die Briten wollen aus der EU. Welche Folgen hat das für den Tourismus in Europa. Und vor allem: Was bedeutet das Brexit-Votum für Thomas Cook und TUI?

Dass der Brexit große Auswirkungen auf den Tourismus haben wird, bezweifele ich. Wer nach Großbritannien fahren will, kann und wird das auch in Zukunft tun – sicherlich auch ohne Visum. Das wird man vernünftig verhandeln. TUI hat die Zentrale ja rechtzeitig von London nach Hannover verlagert und von daher auch hier: keine Probleme.

Und Thomas Cook?

Hat es da etwas schwieriger, weil der Konzern noch enger mit London verbandelt ist, aber der tatsächliche Austritt Großbritanniens aus der EU wird viel Zeit in Anspruch nehmen, so dass der Veranstalter sich in Ruhe darauf einstellen kann.

Und das andere Thema ist natürlich die Unister-Affäre. Was fällt Ihnen dazu ein?

Mir war von Anfang klar, dass das Geschäftsmodell von Unister höchst fragwürdig ist. Insofern war für mich nur die Frage offen, wer kommt als erster, der Staatsanwalt oder der Insolvenzverwalter. Ich habe nicht vergessen, wie der DRV Anfang 2015, für die meisten in der Branche völlig unverständlich und fast geheim, Unister als Mitglied aufgenommen hat. Aktuell habe ich zu diesem Thema noch nichts vom DRV gehört. Der Tod von Firmengründer Thomas Wagner ist natürlich tragisch.

Allerletzte Frage: Wie hoch ist das Minus der Branche am Ende des Reisejahres? Oder schafft sie gar noch die schwarze Null oder ein Plus?

Um das zu beantworten, fehlen mir die aktuellen Zahlen. Ich denke aber, dass es für die Branche kein Katastrophenjahr wird. Die Großveranstalter wie TUI und Thomas Cook können umsteuern – und tun dies ja auch, wie das Beispiel Spanien zeigt.


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